Artikelausdruck von Freestyle Bayreuth


Aikido:
(AIKIDO DOJO MÜNCHEN)

Körperbeherrschung – Selbstüberwindung – Willensstärke

Ich gebe zu der Eindruck kann sich aufdrängen angesichts zahlreicher Videos mit Demonstrationen, in denen Angreifer mit Leichtigkeit geworfen oder anders abgewehrt werden. Dass das Erlernen dieser Leichtigkeit einer der grössten Herausforderungen für beide – Angreifer und Verteidiger – darstellt, versteht der uneingeweihte Betrachter nicht. Es ist unglaublich mühsam, mit einer guten Körperbeherrschung zu fallen. Jedesmal wieder aufzustehen kostet – gerade nach einem langen Arbeitstag – einiges an Selbstüberwindung. Immer wieder die gleiche Übung, dabei nicht zusammensacken, konzentriert und mit Energie angreifen, gehebelt oder geworfen werden, wieder aufstehen, neu angreifenÖ., da braucht man schon einiges an Willensstärke! Auch das Werfen oder Hebeln ist nicht einfach. Komplizierte Techniken, bei einem Angriff auszuführen, dann noch auf Abstand, Timing achten, selbst seinen Körper im Griff haben, locker bleiben. Das ist schwierig zu erlernen, dauert lange und fordert den Ausübenden mehr als der Einsatz von Faust und Ellenbogen in gerader Bewegung zum Kinn oder Solarplexus des Gegners.
2015 war ich in Japan bei Takeda Shihan. Es war Mai, in Tokio war es heiss und feucht. Auch in den Abendstunden kühlte es kaum ab. Und dann war ich Gast in seinem Dojo und habe trainiert. Nach 1,5h regulärem Training ohne Trinkpause (wäre möglich gewesen, aber keiner wollte sich vor den anderen die Blösse geben) kam die Verlängerung. Und dann geworfen werden, 10mal, 20malÖ, irgendwann war jede Bewegung wie die einer Maschine. Bis heute frage ich mich, warum das alles so gut ging und hier im Dojo der Körper das so nicht will, obwohl die äusseren Umstände meistens viel weniger anstrengend sind. Die Erklärung ist vermutlich ganz einfach: es gab dort keine Option. Keine Trinkflaschen am Rand, kein Lehrer der Pausen macht fürs Trinken. Keine anderen Aikidoka die nebenbei etwas trinken gehen. Dann kostet es vielleicht sogar weniger Selbstüberwindung, weniger Willensstärke, den Körper zu beherrschen und zum Weitermachen zu bewegen? Was damals herausfordernd bis schmerzhaft war habe ich heute als sehr wichtige Erfahrung vermerkt. Die Überwindung der eigenen Grenzen durch und mit Aikido. Gelegentlich muss ich diese Grenze wieder antesten, bei Lehrgängen die mehrere Tage dauern zum Beispiel. Dazu gehört der Sommerlehrgang bei Nakajima Sensei (ihr könnt Nakajima Sensei im Aikido Dojo München erleben, nächstes Mal im Juli 2019). Aber erst, wenn die körperliche Kraft aufgebraucht ist fängt die gute Technik an. Denn dann muss man sie anwenden. Dann beginnt auch die Selbstüberwindung und der Test der Willensstärke. So ist es bei mir, andere sind da viel weiter. Sie machen gute Technik ohne sich vorher körperlich verausgabt zu haben.
Aikido ist nicht allein eine sanfte Selbstverteidigung, sie ist auch Schulung der eigenen Persönlichkeit. Dazu gehört es, diesen Aspekt des Trainings annehmen zu wollen. Reine mechanische Ausführung von Techniken oder eine Ausübung ohne Energie (Ki) bringt beiden Übenden nicht viel. Durch das Einbringen eigener Energie und das Herausfordern auch des eigenen Körpers besteht die Möglichkeit, in der Persönlichkeit zu wachsen. So wächst der Grad der Körperbeherrschung mit dem der Selbstüberwindung. Die gestiegene Willensstärke gibt Zuversicht für das Bestehen neuer Herausforderungen auch ausserhalb des Dojo.
Gezeichnet: Michael Fries


Autor: mifr
Artikel vom 04.06.2019, 20:46 Uhr

© www.freestyle24.de 1995-2003